Korrigieren oder Ignorieren

Am diesjährigen Hundekongress (2026) gab es ein Interview zum Thema „Korrigieren oder Ignorieren“. An sich ein interessantes Thema, das man sachlich und sinnvoll diskutieren könnte. Stattdessen war es sehr unklar und diffus. Es wurde viel davon geredet, mit dem Hund in den Dialog zu gehen, vor allem dann, wenn dieser das gerade nicht möchte. Es wurde davon geredet, bei der Setzung von Grenzen auf sein Bauchgefühl zu hören. Und es wurde davon geredet, dass ignorieren z. B. beim frisch eingezogenen Tierschutzhund sinnvoll sein kann. Was all diese Begriffe bedeuten, darüber wurde nicht geredet. Es wurde auch nicht definiert, was überhaupt korrigieren bedeutet und was die Schwierigkeiten beim Ignorieren sind. Das ist schade. Und deswegen übernehme ich das jetzt.

Was bedeutet Korrigieren oder Ignorieren?

Wenn wir über das Thema Korrigieren oder Ignorieren reden, müssen wir zuerst definieren, was das bedeutet und warum wir überhaupt im Hundetraining darüber reden. Das Problem am Begriff „Korrigieren“ ist, dass er nicht klar ist. Er sagt nicht, ob es z. B. um eine Hilfestellung geht, damit der Hund den Fehler nicht mehr macht. Z. B. beim Deckentraining um eine Leine, die man am Hund befestigt, damit er die Decke nicht mehr verlassen kann. Oder handelt es sich um eine Konsequenz, um ein Verhalten zu verändern? Oder geht es einfach darum, nach dem Training die Fehler zu analysieren, die von Mensch und Hund passiert sind, um diese im nächsten Training zu minimieren? Der Begriff hat mehrere Ebenen, weswegen ich persönlich den Begriff auch nicht benutze.

Positive Strafe

Stattdessen definiere ich den Begriff Korrigieren als positive oder negative Strafe. Positiv und negativ stehen hier nicht für gut oder schlecht. Positiv steht dafür, dass etwas hinzugefügt wird, negativ dafür, dass etwas entfernt wird. Bei der Positiven Strafe wird also etwas Unangenehmes als Konsequenz hinzugefügt: Blocken, zischen, Schimpfen, Stampfen, Treten, Rucken, Kneifen, Leine oder Napf auf dem Hund schmeißen, etc. Der Hund tut also etwas, was er nicht tun soll und erhält dafür eine für den Hund unangenehme Konsequenz. Wird das richtig gemacht, wird das Verhalten, das er nicht tun soll, dadurch weniger. Warum „richtig gemacht“ sehr wichtig ist, darauf kommen wir später noch einmal genauer.

Negative Strafe

Negative Strafe bedeutet dagegen, dass etwas Angenehmes entfernt wird. Zum Beispiel unsere Aufmerksamkeit, oder grundsätzlich Isolation. Ignorieren ist also per Definition eine negative Strafe. Also ein Hund bellt zum Beispiel seinen Menschen an. Als Konsequenz entzieht dieser dem Hund die Aufmerksamkeit, da der Grund für das Bellen bei diesem Hund das Bedürfnis nach Interaktion darstellt. Der Hund hört auf zu Bellen und in dem Moment bekommt er sein Bedürfnis nach Interaktion auch befriedigt. Wichtig für Negative Strafe ist also, dass es exakt solange geht, wie das Verhalten dauert, das bestraft werden möchte.

Regeln für positive Strafe

Soweit erst einmal die theoretische Grundlage. Es handelt sich also um Methoden aus der operanten Konditionierung, die richtig angewendet, funktionieren und dafür sorgen, dass Verhalten weniger wird. Jetzt ist allerdings das große Problem das „richtig angewendet“. Denn Positive und negative Strafe sind ziemlich schwierig anzuwenden, damit sie nachhaltig funktionieren. Und das schauen wir uns jetzt mal an. Wir starten mit der positiven Strafe.

  1. Eine positive Strafe, muss angekündigt werden. Denn: Der Hund muss die Chance haben, dem Unangenehmen Reiz zu entgehen, indem er sein Verhalten anpasst. Wenn du also deinen Hund aus heiterem Himmel bestrafst, weil er nicht das tut, was du von ihm möchtest, hat dein Hund keine Chance, etwas anderes anzubieten.
  2. Dein Hund muss wissen, was er stattdessen anbieten soll und kann. Du musst das erwünschte Verhalten also bereits mit ihm geübt haben. Ansonsten muss dein Hund ausprobieren und riskiert dabei, für jedes, aus deinen Augen falsch probierte Verhalten, erneut bestraft zu werden.
  3. Die Strafe muss sofort erfolgen. Das heißt, innerhalb der nächsten 0,5-0,8 Sekunde nach dem unerwünschten Verhalten. Das ist schnell. Du als Mensch musst also extrem genau und aufmerksam sein, ansonsten besteht die Gefahr, dass dein Hund die Strafe nicht mit dem unerwünschten Verhalten verknüpft. Ein gutes Beispiel dafür ist Blocken. Je nach dem wie man Leinenführigkeit definiert, soll der Hund hinter einem oder neben einem Laufen. Das Problem beim Blocken ist, dass das in der Umsetzung bereits schwierig wird, wenn der Hund neben einem läuft und anfängt zu überholen. Der korrekte Strafzeitpunkt wäre der Moment, in dem er beginnt zu überholen. Da dies jedoch schwierig umzusetzen ist, blocken viele Menschen prophylaktisch. Also dann, wenn der Hund noch das tut, was er eigentlich auch tun soll. Die Folge ist bei manchen Hunden, dass sie anfangen, ihren Menschen zu umgehen und einen Bogen zu machen, weil nicht klar ist, was sie eigentlich tun sollen.
  4. Die Strafe muss immer erfolgen. Immer dann, wenn dein Hund das unerwünschte Verhalten zeigt, muss du die Strafe anwenden. Je nach Strafe wird das schwierig, wenn der Hund nicht in deiner Nähe ist. Und das wissen die Hunde, weswegen sie z. B. Freilauf etwas mehr genießen und z. T. sehr schlecht abrufbar sind. Sie wissen: In der Nähe des Menschen werde ich bestraft, auf Distanz geht das nicht so gut oder zumindest deutlich weniger.
  5. Die Strafe muss immer exakt so stark sein, dass der Hund sein Verhalten unterlässt, aber nicht so stark, dass er daran zu Grunde geht. Und das ist mit Abstand der schwierigste Punkt von allen. Denn: auch wir Menschen sind von unseren Launen und Befindlichkeiten abhängig. Wir haben gute und schlechte Tage. Wir sind nicht jeden Tag exakt gleich. Mal sind wir genervt und sind gröber, mal sind wir müde und nicht so konsequent, mal sind wir traurig und mehr mit uns selbst beschäftigt. Das macht es für den Hund schwierig, klare Regeln herauszulesen. Geschweige denn, dass die allermeisten Menschen überhaupt in der Lage wären, die exakte Dosis anzuwenden. Entweder sie sind zu zaghaft, weil sie das eigentlich nicht wollen, oder sie sind zu grob, weil sie das vlt. Von einem früheren Hund noch so gelernt haben.

Korrekt Strafen ist nicht leicht

Ihr merkt also, dass man ziemlich viel beachten muss, um positive Strafe korrekt anzuwenden. Und vor allem: Dass der Hund wissen muss, was er eigentlich tun soll, bevor ihr mit der Strafe beginnt. Er muss also bereits eine Idee haben. Was in den meisten Hundeschulen jedoch passiert ist, dass direkt gestraft wird, diese Regeln nicht klar erklärt werden und dass in manchen extremen, aber leider keinen seltenen Fällen, die Hunde, die besonders Schwierigkeiten haben, vom Trainer abgenommen und unverhältnismäßig stark gestraft werden. Sie werden hochgerissen, auf den Boden geworfen, angeschrien, durch die Gegend geruckt und das, obwohl diese Hunde keine Ahnung haben, was der Mensch eigentlich von ihnen will. Korrigieren mag nett und harmlos klingen, was jedoch auf Deutschen Hundeplätzen passiert, ist weit weg von nett und harmlos.

Regeln für negative Strafe

Ähnliches gilt für die Anwendung von negativer Strafe:

  1. Sie muss sofort erfolgen. Wenn du erst überlegst, ob du den Hund jetzt ignorierst oder es doch eine andere Möglichkeit gibt, bist du zu spät und der Hund wurde bereits belohnt.
  2. Sie muss exakt solange dauern, wie der Hund das unerwünschte Verhalten zeigt. Isolation ist also oft weder sofort (man muss den Hund erst wegbringen), noch präzise in der Dauer (man muss ihn wieder holen).
  3. Negative Strafe muss das tatsächliche Bedürfnis des Hundes betreffen. Ein Welpe, der beißelt, der tut dies vielleicht, um Stress abzubauen, nicht um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn wir uns also entziehen und dann zurückkommen, kann es sein, dass sich nichts am Beißeln geändert hat, weil das eigentliche Bedürfnis nach wie vor nicht erfüllt ist.
  4. Wir müssen konsequent bleiben. Wir dürfen nicht plötzlich doch mit Belohnung rein, um den Hund ruhig zu stellen und wir dürfen aber auch nicht mit Strafe rein, weil auch das für den Hund Erfolg bedeuten kann, weil er es geschafft hat, dass wir auf ihn reagieren. Und da scheitern die allermeisten Menschen daran. Viele Hunde haben deutlich mehr Ausdauer als ihre Menschen und wenn man dann einen Fehler macht, hat man direkt die Ausdauer belohnt und geübt. Besser wäre es also, es entweder gar nicht soweit kommen zu lassen, oder mit einem Abbruchsignal oder Alternativverhalten das unerwünschte Verhalten sofort zu unterbrechen, wenn es auftritt.
  5. Und natürlich muss auch hier der Hund vorher wissen, was er stattdessen tun soll. Er muss wissen, was wir von ihm wollen. Umso wichtiger ist hier Konsequenz und Timing. Gerade beim Beißeln des Welpen: Wenn der nicht weiß, was wir von ihm wollen, müssen wir das durch sofortiges wieder Interagieren, sobald er sich zurück nimmt, sehr deutlich markieren.

Soll ich denn Korrigieren oder Ignorieren?

Hundetraining ist ein Handwerkt. Es gibt kein „ignorier den halt“ oder „der braucht mal eine klare Ansage“. Es bringt nichts, den Hund zu ignorieren, wenn es der dazugehörige Mensch nicht schafft, das auch konsequent umzusetzen. Es bringt auch nichts, den Hund zu strafen, wenn sich der dazugehörige Mensch nicht klar an die Regeln hält. Mal so mal so bringt dem Hund nichts. Er braucht klare Strukturen, klare Regeln und einen Menschen, der sich auch daran hält und vor allem: Er muss wissen, was du von ihm eigentlich möchtest.

Unrealistische Erwartungen an den Hund

Und das bringt uns zu einem Punkt, der in dieser Debatte oft vernachlässigt wird: Wer ist im Recht, der Hund oder der Mensch? Denn, was uns unbedingt klar sein muss: Wir haben entschieden, dass der Hund in unserer Welt leben soll. Wir haben entschieden, dass er unter den Bedingungen leben soll, die wir ihm anbieten und dass er damit zurechtkommen soll. Und dabei sind wir in unseren Anforderungen und Ansprüchen komplett widersprüchlich: Zum einen möchten wir einen Wachhund, der auf unser Haus aufpasst, aber Besuch soll er bitte problemlos reinlassen. Wir möchten einen aktiven Hund, der schnell auf Reize reagiert, aber Autos und Fahrräder soll er bitte in Ruhe lassen. Wir wollen einen hübschen Hund, der gut zu unserer Einrichtung passt, aber die Einrichtung soll er gefälligst in Ruhe lassen. Wir wollen einen schlanken Hund, weil die so ästhetisch aussehen, aber jagen soll er bitte nicht. Wir wollen einen schlauen Hund, aber Quatsch lernen, das soll er bitte nicht. Wir holen uns Hunde in unsere Welt, weil wir sie hübsch finden, weil sie uns gefallen, weil sie als tolle Familienhunde beschrieben werden. Dabei vergessen wir oft, dass es nicht die Natur des Hundes ist, in der Familie ohne Aufgabe zu leben. Bis vor wenigen Jahrzehnten lebten Hunde vor allem auf Höfen und haben diese bewacht. Ansonsten waren Hunde vor allem dazu da, Mülle und Unrat von der Straße zu säubern und so Siedlungen sauber zu halten. In vielen Teilen der Welt ist das bis heute so. Oder sie waren dafür da, Jägern und Bauern zur Hand zu gehen, und dort verschiedenste Aufgaben zu erfüllen.

Der arbeitslose Arbeitshund

Diese genetische Selektion ist nicht weg, nur weil wir ein paar Jahrzehnte rumzüchten, um möglichst soziale Hunde zu produzieren. Es sind am Ende nach wie vor Hunde. Und sie verhalten sich so, wie sich Hunde verhalten. Aus der Perspektive des Hundes verhält er sich sinnvoll und richtig. Es ist unsere Aufgabe, klar zu definieren, was der Hund lernen muss, um in unsere Welt zu passen und ihm das dann kleinschrittig und verständlich beizubringen. Zu erwarten, dass der Hund das jetzt einfach tut und kann, nur weil ich das möchte, ist eine Illusion. Hundetraining ist Arbeit. Und es gibt keine Abkürzung über Strafe. Denn dein Hund muss zuerst wissen, was du von ihm möchtest. Ihr müsst zuerst eine gemeinsame Sprache lernen.

Kleinschrittigkeit statt Korrektur

Es geht also vor allem um leichte, verständliche Schritte, die der Hund gut umsetzen kann. Und diese passieren auf Basis von Belohnung, denn wir wollen, dass das Verhalten mehr wird, das wir unseren Hunden beibringen. Wir wollen im Idealfall sogar, dass der Hund das Verhalten von selbst zeigt, weil er gelernt hat, dass es Spaß macht und sich lohnt. Und während wir das tun, passiert etwas wundervolles: Das unerwünschte Verhalten wird automatisch weniger. Wenn wir mit unserem Hund lockere Leine üben und die lockere Leine mehr wird, wird das Ziehen an der Leine weniger. Wenn wir mit unseren Hund üben, dass er Hunde ruhig anguckt, bellt er sie automatisch weniger an. Wenn wir mit unserem Hund üben, dass er sich hinsetzt, wenn uns Menschen begrüßen, springt er sie automatisch weniger an.

Belohnen ist wichtig

Wir sind oft so fokussiert darauf, was der Hund alles nicht darf, dass wir ganz vergessen, dass wir auch ans Ziel kommen, wenn wir ihm einfach beibringen, was er stattdessen tun soll. Mit Spaß und Freude am Lernen.

Ich arbeite nicht mit positiver Strafe, da es unsere Hunde in unserem Alltag schon schwer genug haben und die Umwelt strafend genug ist. Ich arbeite in Einzelfällen mit negativer Strafe, aber kaum mit Ignorieren, weil die meisten Menschen, mich eingeschlossen, einfach wahnsinnig schlecht darin sind, ihren Hund korrekt zu ignorieren und weil ignorieren irgendwie auch keine konstruktive Art der Kommunikation ist, auch wenn es lerntheoretisch funktioniert. Aber: Nur weil es funktioniert, muss ich es nicht machen. Ich schaue immer, dass ich den nettesten und freundlichsten Weg finde, um am Verhalten eines Hundes zu arbeiten. Das gilt sowohl für gefährliches Verhalten wie Beißen, als auch für harmloses Verhalten, wie Anspringen bei der Begrüßung. Ich kann klare Regeln und Strukturen auch etablieren, wenn ich auf positive Strafe verzichte. Und dabei habe ich noch gar nicht über die Zahlreichen Risiken und Nebenwirkungen von positiver und negativer Strafe geredet. Wenn du mehr darüber lernen möchtest, wie Hunde lernen, schau mal hier vorbei: „So lernen Hunde“

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