Das Thema „ADHS beim Hund“ sorgt zunehmend für Aufmerksamkeit und Verunsicherung. In sozialen Medien, Blogs und teilweise auch in Fachartikeln wird immer häufiger davon gesprochen, dass Hunde an einer Form von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung leiden könnten. Dabei verschwimmen jedoch oft die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Forschung, Interpretation und vorschneller Zuschreibung. Um das Thema sinnvoll einzuordnen, ist ein differenzierter Blick notwendig.
Fehlende Diagnostik und aktuelle Forschung
Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass es keine anerkannte Diagnose ADHS beim Hund gibt. Anders als beim Menschen existieren weder verbindliche Diagnosekriterien noch validierte Testverfahren oder medizinische Leitlinien. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich lediglich mit ADHS-ähnlichen Verhaltensmustern. In einer neueren Studie wurde dazu ein Fragebogen entwickelt, der Verhaltensweisen wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und erhöhte Aktivität erfasst [Development of a human analogue ADHD diagnostic system for family dogs]. Ergänzt wurde dieser um einen sogenannten Funktionsteil, der abfragt, ob das Verhalten den Hund tatsächlich in seinem Alltag beeinträchtigt. Das Ergebnis ist jedoch ausdrücklich keine Diagnose, sondern lediglich eine Risikoeinschätzung im Rahmen eines Forschungsansatzes.
Normale Entwicklung oder ADHS?
Ein zentrales Problem besteht darin, dass viele der abgefragten Verhaltensweisen bei Hunden sehr unspezifisch sind. Unruhe, Impulsivität oder geringe Konzentrationsfähigkeit können zahlreiche Ursachen haben. Besonders bei jungen Hunden gehören diese Merkmale zur normalen Entwicklung. Junghunde sind neurologisch noch nicht ausgereift, reagieren stark auf Reize und verfügen nur über eine begrenzte Impulskontrolle. Wird dieses Verhalten vorschnell pathologisiert, besteht die Gefahr, normales Hundeverhalten als Störung zu interpretieren. In der erwähnten Studie wurden Hunde ab 10 Monaten zugelassen. Also auch Hunde, die gerade erst in ihre Junghundeentwicklung eingetreten sind.
Ausschluss von anderen Ursachen für das Verhalten fehlt
Hinzu kommt, dass in den bisherigen Studien entscheidende Faktoren kaum berücksichtigt werden. Körperliche Ursachen wie Schmerzen, orthopädische Probleme, Magen-Darm-Erkrankungen oder hormonelle Dysbalancen wurden häufig nicht systematisch ausgeschlossen. Dabei ist bekannt, dass Schmerzen und chronisches Unwohlsein bei Hunden sehr häufig zu Unruhe, Reizbarkeit und verminderter Konzentrationsfähigkeit führen. Auch Trainingsmethoden, Umweltstress, mangelnde Ruhe, Überforderung oder aversive Einwirkungen können Verhaltensweisen erzeugen, die auf den ersten Blick an ADHS erinnern.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Übertragung menschlicher Diagnosemodelle auf den Hund. ADHS ist eine komplexe neurobiologische Störung mit klar definierten Kriterien im humanmedizinischen Kontext. Diese lassen sich nicht ohne Weiteres auf eine andere Spezies übertragen. Hunde unterscheiden sich nicht nur neurologisch, sondern auch in ihrer Art, Verhalten zu zeigen, Stress zu verarbeiten und mit ihrer Umwelt zu interagieren. Was beim Menschen als Aufmerksamkeitsproblem gilt, kann beim Hund eine völlig andere Bedeutung haben.
Label und Stigmatisierung
Besonders problematisch wird es, wenn der Begriff „ADHS“ zu einem Etikett wird, das Ursachen überdeckt. Statt genau hinzuschauen, besteht die Gefahr, Verhalten vorschnell als neurologisch bedingt zu erklären. Damit geraten wichtige Fragen aus dem Fokus: Ist der Hund gesundheitlich abgeklärt? Ist das Trainingsniveau altersgerecht? Bekommt der Hund ausreichend Ruhe und Sicherheit? Passt die Erwartungshaltung des Menschen zum individuellen Hund? Erst wenn all diese Aspekte sorgfältig geprüft wurden, könnte überhaupt darüber nachgedacht werden, ob eine neurobiologische Besonderheit vorliegt.
ADHS gibt es, wir wissen nur noch zu wenig
Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Hunde gleich sind oder dass neurodivergente Ausprägungen ausgeschlossen werden müssen. Es ist durchaus denkbar, dass es Hunde gibt, deren Nervensystem anders arbeitet, die Reize intensiver wahrnehmen oder sich schwerer regulieren können. Die Forschung steht hier allerdings noch ganz am Anfang. Aktuell fehlen valide Instrumente, um solche Unterschiede zuverlässig zu erfassen und von Umwelt- oder Gesundheitsfaktoren abzugrenzen.
Das kannst du tun
Entscheidend ist daher eine Verschiebung des Fokus: Weg von der Frage, ob ein Hund „ADHS hat“, hin zur Frage, ob und woran der Hund leidet. Nicht die Diagnose ist relevant, sondern der individuelle Unterstützungsbedarf. Ein Hund, der dauerhaft übererregt ist, Schwierigkeiten mit Impulskontrolle hat oder nicht zur Ruhe findet, braucht in erster Linie eine gründliche medizinische Abklärung, ein angepasstes Trainings- und Alltagsmanagement sowie eine Umgebung, die Sicherheit und Vorhersagbarkeit bietet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „ADHS beim Hund“ derzeit kein medizinischer Befund, sondern ein Forschungs- und Diskussionsfeld ist. Die Gefahr besteht weniger darin, dass über Neurodivergenz gesprochen wird, sondern darin, komplexes Verhalten vorschnell zu vereinfachen. Eine verantwortungsvolle Betrachtung erfordert Fachwissen, Differenzierung und die Bereitschaft, Verhalten nicht zu etikettieren, sondern zu verstehen.
